Mittwoch, 14. März 2012

Rezension "Die Schuldlosen" von Petra Hammesfahr



Die Schuldlosen
Petra Hammesfahr
Wunderlich Verlag
Hardcover
ISBN 978-3-8052-5039-9
19,95 €
445 Seiten 
 




Der Weg zu mir: „Die Schuldlosen“ ist mein erstes Rezensionsexemplar von Vorablesen. Ich habe mich riesig gefreut und danke Vorablesen sowie dem Rowohlt Verlag. Eine Leseprobe hat der Verlag übrigens hier bereit gestellt. 

Der erste Satz: "Es war ein Anblick, den Franziska Welter zeit Ihres Lebens nicht vergessen sollte."
 
Das Äußere: Das Cover zeigt ein Mädchen im roten Sommerkleid, das sich vom Betrachter abwendet. Der Betrachter hat direkt den Eindruck, dass es sich hier um das verstorbene Mädchen handelt, das im Klappentext erwähnt wird. Insofern gibt das Cover direkt einen Eindruck vom Inhalt, ist jedoch nicht zu beklemmend. Schönes Detail: das Hardcover-Buch ist mit einem bequemen Lesebändchen ausgestattet. 

Das Innere:  Janice Heckler wurde tot aufgefunden. Alex Junggeburt, ein Nachbar, wird für den Mord verurteilt und wird nach Jahren der Haft auf Bewährung freigelassen. Er kehrt zurück in den Ort und muss sich dort den Anfeindungen der Bevölkerung aussetzen. Er ist kein einfacher Mensch: in seiner Kindheit und Jugend wurde er von seiner Mutter nahezu wie ein Mädchen aufgezogen, und diese Vergangenheit rächt sich auch nach Jahren noch. Dass sich Alex selbst nicht an seine – damals im Vollrausch ausgeübte – Tat erinnern kann, macht es dabei nicht leichter. Nach und nach werden die damaligen Geschehnisse wie bei einem Puzzle zusammengesetzt.

Das Wesentliche: Grevingen-Garsdorf ist ein kleiner Ort, in dem fast jeder jeden kennt. Franziska Welter und Helene Junggeburt kennen sich seit der gemeinsamen Schulzeit. Später war Franziska bei Helene, der Erbin einer großen Brauerei, im Haushalt als Putzfrau angestellt. Beide Frauen verbindet ein Schicksalsschlag: während Franziskas Tochter Mariechen an einer Vergiftung starb, wurde Helenes Tochter Alexa Opfer einer Gehirnhautentzündung. Helene hat den Tod ihrer Tochter Alexa nie verwunden und zieht ihren Sohn Alex deswegen nun wie ein Mädchen auf, was Franziska mit zunehmender Beunruhigung beobachtet – genau wie der Rest des Dorfes. Natürlich hat der Junge dadurch einen schweren Stand in der Schule und reagiert darauf in vielen Fällen mit Gewalt.

Hier startet die Handlung, die in verschiedenen Rückblenden jeweils ein weiteres Stück aus dem Leben der Dorfbewohner beleuchtet. Nach und nach zeigen sich dem Leser dabei die Abgründe, die hinter der Fassade der anständigen Bürger lauern. Gescheiterte Lebensläufe sind dabei nicht selten anzutreffen.
Bei Petra Hammesfahrs Schreibstil habe ich immer ein bisschen den Eindruck von Nebelschwaden, die über düstere Landstriche ziehen. Ich bewundere die Art, wie sie dadurch in ihren Romanen immer wieder eine Atmosphäre von Beklemmung, Misstrauen und Verhängnis schafft. In diesem Sinne ist auch „Die Schuldlosen“ ein Psychothriller erster Güte. 

Alex Junggeburt ist als Protagonist schwierig zu greifen. Zu Beginn habe ich Mitleid empfunden - danach Abscheu - später ansatzweise Verständnis - nur um danach wieder völlig anders über ihn zu denken. Wie ein Wechselbad durchlebt der Leser ein ständiges Auf und Ab. Man darf sich seiner Schlussfolgerungen nie zu sicher sein. 

Nach der Rückkehr aus dem Gefängnis hat Alex natürlich nur wenige Freunde. Einzig Silvie, Franziska Welters Enkelin, hält zu ihm. Ihr Mann Lothar, in früheren Tagen einer der besten Freunde von Alex, betrachtet dies mit zunehmendem Misstrauen und versucht seine Frau von Alex fern zu halten. Als Alex kurz nach seiner Rückkehr Kontakt zur kleinen Saskia aufnimmt, möchte man das Mädchen am liebsten vor allem Unglück bewahren und ihr zurufen, sie solle nicht so vertrauensselig sein. Denn Saskia ist die Tochter der Frau, auf deren Aussage Alex Verurteilung zurückzuführen war. Hilflos sieht man als Leser dem Geschehen zu, bis sich auch hier eine Wendung ergibt, mit der man zu Beginn nicht gerechnet hätte.

Es ist übrigens gar nicht mal so einfach, diese Rezension so zu verfassen, dass die geschickte Konstruktion der Handlung nicht verraten wird.  Wenn man vor dem Kauf einen Eindruck vom Buch erhalten möchte, liest man deswegen am besten nur die Leseprobe, aber nicht die Erläuterungen auf der Homepage des Verlages, um sich nicht selbst die Spannung zu nehmen. 

Das Fazit: Petra Hammesfahr gelingt es auch mit diesem Roman wieder, ein hervorragendes Sittenbild der Protagonisten – in diesem Fall der Bewohner eines Dorfes – zu zeichnen. Immer wieder wird dabei der Leser auf falsche Fährten geführt. Sobald man sich als Leser eine Meinung über die Protagonisten gebildet hat, wird das Ruder total herumgerissen und man ist gezwungen, seine Sichtweise ständig selbst in Frage zu stellen. Die Geschichte ist hervorragend konstruiert, daher meine klare Leseempfehlung für dieses Buch. Die Handlung hätte nach meinem Geschmack durchaus noch etwas schneller voranschreiten können, daher gibt es von mir vier von fünf Leselöwen.
Die Bewertung: 

Kommentare:

  1. Das Buch steht schon relativ weit oben auf meiner Wunschliste, hatte bei Vorablesen leider kein Glück. Dennoch klingt es wirklich gut und deine Rezension macht Lust auf mehr.

    Liebe Grüße

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  2. Wenn das "Ruder herumgerissen" wird, die Handlung eine überraschende Wendung erfährt, ist das für mich immer ein Highlight. Ich schreibe selbst auch Kurzgeschichten und versuche das zu beherzigen.

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