Samstag, 3. März 2012

Rezension "Namiko und das Flüstern" von Andreas Séché




Namiko und das Flüstern
Andreas Séché
Hardcover
176 Seiten
Erscheinungsjahr: 2011
ars vivendi verlag
ISBN 978-3-869-13066-8
16,90 €


 
Der Weg zu mir: Was für ein Glück ich hatte, in dieser Leserunde bei LovelyBooks dabei sein zu können! Schon in der Bewerbungsphase für das Testlesebuch war die Leserunde stets gut besucht, und die Diskussionen rissen im Laufe der Leserunde nicht ab.  Dies war eine der interessantesten autorenbegleiteten Leserunden die ich bisher hatte. Vielen Dank an Andreas Séché und den ars vivendi Verlag!

Der erste Satz: „Immer wenn ich eine Flöte höre, muss ich an Namiko denken.“

Das Äußere:  Das kleine Hardcover-Bändchen ist mit seinen nur knapp 180 Seiten ein handliches Buch. Das Cover zeigt als Hintergrundmotive Blätter und Vögel. Von außen ahnt man nicht, was in dem Buch tatsächlich für eine Perle steckt!

Das Innere: Es geht um einen namenlosen deutschen Journalisten, der wegen einer Recherche nach Japan fliegt. Sein Ziel sind die legendären Gärten Japans. Dort lernt er Namiko kennen, die eine ganz eigene Sicht auf die Dinge hat und ihm den Blick öffnet auf die japanische Seele, wie er sie ohne Namiko nie hätte kennenlernen können. Schon bald muss er sich entscheiden, ob er so weiterleben will wie bisher oder ob Namiko seine Zukunft ist.

Das Wesentliche:  Namiko weist den Ich-Erzähler ganz behutsam in die japanische Kultur ein. Sie lernen sich in einem Garten kennen, was bezeichnend ist, und Gärten sind daher auch meist die Schauplätze ihrer Liebe. Fast verschmitzt führt Namiko ihren Lehrling dabei ein ums andere Mal hinters Licht, zum Beispiel indem sie gemeinsam über den Zaun in einen umschlossenen Garten eindringen, der sich hinterher als der Garten der Familie entpuppt. Es ging ihr lediglich darum, ihm eine andere Art des Zugangs nahe zu bringen.

Als der Ich-Erzähler sich näher mit der japanischen Sprache beschäftigen möchte, erklärt Namiko ihm die verschiedenen japanischen Schriftzeichen. Dass das Japanische so lautmalerisch ist, hätte ich gar nicht gedacht. Manche Zeichen muss man z. B. nur aus der Vogelperspektive betrachten, dann ist schon klar welches Wort gemeint ist (das Zeichen für „Auto“ sieht z. B. aus wie ein Karren, von oben betrachtet). 

Im Laufe des Buches lernt man noch etwas ganz Besonderes kennen: Koans. Das sind kleine Gleichnisse, die auf den ersten Blick unverständlich, sinnlos oder sogar wirr erscheinen. Erst beim zweiten oder dritten Durchdenken erschließt sich der Inhalt. 

Namiko und der Journalist sind sich bereits von Beginn an ganz nah. Und doch geht ihre Annäherung langsam vonstatten. Als die Zeit der Abreise näher rückt, kann man nahezu fühlen, wie der Journalist immer weiter zu einer Entscheidung gelangt, zu der einzigen, die für ihn Sinn macht.

Ich habe übrigens selten einen (männlichen) Autor gekannt, der so gefühlvoll schreiben kann – allem voran über die Liebe. 

Das Fazit:  „Namiko und das Flüstern“ ist zugleich ein Roman, eine philosophische Abhandlung, eine Liebesgeschichte, ein Gleichnis und doch parallel nichts von alldem. Sondern ein Traum von Buch, berührend wie selten ein anderes. Dieses Buch wird bei mir bleiben und nicht ins große Büchermeer entlassen wie so viele vor ihm.

Die Lieblingspassage:  Hier müsste es eigentlich heißen: die Lieblingspassagen, hier also nur eine kleine Auswahl der vielen, vielen Stellen im Buch, die ich mir markiert habe.

„Vielleicht ist das, was einen Menschen ausmacht, nicht einfach nur sein Körper oder der Geist, der darin wohnt oder seine Seele, sind es nicht nur seine Gene, die Gefühle und Erinnerungen. Vielleicht besteht ein Mensch auch aus dem, was ihn umgibt.“ (S. 62)

„Vielleicht, dachte ich, kann ein Land, das schön ist, nicht ein Land ersetzen, das das eigene ist.“ (S. 62)

„Bleiben ist für einen Neunundzwanzigjährigen ein ziemlich kurzes Wort, wenn es eine so lange Zeit wie den Rest des eigenen Lebens umfasst.“ (S. 98)

„Manchmal laufen Menschen so schnell durchs Leben, dass sie ihren Charakter wie einen Schweif weit abgeschlagen hinter sich herziehen, und irgendwann bleiben sie dann stehen, und der Charakter hat die Chance, sie einzuholen.“ (S. 135)

Die Bewertung: 

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