Freitag, 27. April 2012

Rezension "Fremdling" von Sibylle Knauss



Vergangenheit im Heute



Sibylle Knauss
383 Seiten
Erscheinungsjahr: 2012
Hoffmann und Campe Verlag
ISBN 978-3-40358-9
22,99 €




Der Weg zu mir: Hier hatte ich das Glück, den Roman im Rahmen einer Leserunde bei LovelyBooks zu gewinnen. Vielen Dank an LovelyBooks und den Hoffman und Campe Verlag – das war ein wirklich außergewöhnliches Leseerlebnis!

Der erste Satz: „Du wirst keine Schmerzen haben, sagte er.“

Das Äußere:  Das in dunkelgrau gebundene Buch liegt gut in der Hand. Bei 383 Seiten ist das Buch angenehm handlich. Das Cover zeigt das Auge einer Eule – was nun überhaupt nichts mit dem Inhalt zu tun hat, mir aber trotzdem gut gefällt.

Das Innere: Was als geheimes Experiment von ein paar Forschern beginnt, wird auf einmal Realität. Zum einen, um ihrem Freund Tim einen Wunsch zu erfüllen, zum anderen, weil sie selbst von Forscherdrang erfüllt ist, lässt sich Maria mit der DNA eines Neandertalers künstlich befruchten. Tatsächlich wird sie schwanger! Doch bevor das Experiment zu einer Zeit, in der es noch zu verantworten wäre, abgebrochen werden kann, beschließt Maria, das Kind zur Welt zu bringen. Auf einer beschwerlichen Reise an den Rand der Zivilisation versucht sie, ihrem Sohn Jo ein Leben nach seinen Möglichkeiten zu bieten. Natürlich geht das nicht lange gut, denn die Behörden werden auf sie und den Jungen aufmerksam…

Das Wesentliche:  Wow, was für ein Stoff für einen Roman: Eine junge Frau bringt einen Neandertaler zur Welt. Man stelle sich vor, es gäbe ein solches Experiment tatsächlich. Bei dem, was man öfter mal in den Medien liest oder sieht, könnte es sein, dass wir gar nicht so weit davon weg sind, dass irgendjemand das tatsächlich realisiert. Diese dennoch nahezu unglaubliche Vorstellung versetzt Sibylle Knauss in ihrem Roman sozusagen in die Realität.

Maria ist eine junge Wissenschaftlerin, die für ihren verheirateten Freund Tim alles tun würde. So muss sie nur kurz überlegen, bevor sie dem Experiment zustimmt, bei dem es von Anfang an nur darum ging, die Entwicklung eines Neandertaler-Embryos im Mutterleib in den ersten Monaten der Schwangerschaft zu beobachten. Zu einer „noch zu verantwortenden“ Zeit sollte das Experiment abgebrochen und die Schwangerschaft vorzeitig beendet werden. Doch Maria entwickelt Gefühle für „ihr“ Kind. Kurzerhand brennt sie durch und begibt sich mit einem Campingbus auf eine wahnsinnige Tour nach Osteuropa. Dort, irgendwo im Hinterland, bringt sie den Jungen mit der Hilfe einer Ärztin zur Welt.

Alle halten das Kind für hässlich – was nach heutigen Maßstäben sicher nachzuvollziehen ist. Maria verbirgt den Jungen, den sie Jo nennt, möglichst vor den Augen aller anderen und wird schließlich sesshaft irgendwo in den Bergen. Trotz aller Vorsicht werden die kroatischen Behörden auf sie aufmerksam, und Maria wird gezwungen, den Jungen in ein Heim zu geben – der Beginn einer Odyssee ganz besonderer Härte für das Kind, das sich in der Natur und bei wilden Tieren am besten aufgehoben fühlt.

Bis hierhin bin ich dem Buch nahezu atemlos gefolgt. Erst an dieser Stelle fiel mir auf, dass Maria recht zwiespältig reagiert: Sie verkriecht sich sich lange Jahre mit dem Kind in den Bergen, hat ihr komplettes Leben und ihre Karriere für den Jungen aufgegeben, und trotzdem kämpft sie nicht darum, dass Jo bei ihr bleiben kann. Geradezu distanziert sieht sie den Geschehnissen zu und scheut auch nicht davor zurück, nach Deutschland zurückzukehren, als Jo aus dem Kinderheim fliehen kann und verschwindet. Hier hätte ich irgendwie mehr Engagement von Maria erwartet. Dass sie einfach so in die Zivilisation zurückkehrt, wieder einen Beruf ergreift und sich eine schicke Wohnung nimmt, erscheint mir irgendwie nicht richtig.

Jo ist ein einsames Kind, das zu einem einsamen jungen Mann wird. Schließlich weiß er nicht, wo er herkommt, was seine Wurzeln sind. Sein einziger Bezug zu der Zeit, in die er eigentlich gehört, sind „die Anderen“, die ihm wie eine Vision erscheinen und die ihm auf diesem Weg nicht nur viel über seine Art näherbringen, sondern sogar ganz praktische, handwerkliche Dinge erklären. Diese Visionen scheinen wie eine Flucht aus der Wirklichkeit für Jo zu sein – sie sind für den Leser aber ein schönes stilistisches Mittel der Autorin, um mehr über die Natur der Neandertaler zu erfahren.

Maria trifft scheinbar (fast) nur auf Männer, die auf ihre eigenen Vorteile bedacht sind: zuerst Tim, der sie das Experiment durchführen lässt, und nach ihrer Rückkehr nach Deutschland ist es Siegfried, ebenfalls ein Wissenschaftler, der Jo als wissenschaftliche Sensation betrachtet und den er deswegen ins Licht der Öffentlichkeit zerren möchte. Es hat mich förmlich gegruselt, wie Maria als Frau und „Mutter“ nur so vertrauensselig sein kann.  Im Laufe des Buches habe ich mich dann irgendwann mit Maria arrangiert, denn glücklicherweise kommt Marias Beschützerinstinkt dann doch wieder zum Vorschein.

Es geschieht noch eine ganze Menge im Leben von Jo, über das ich hier natürlich nichts im Detail berichten möchte. Nur so viel: es gibt neben vielen Tiefen auch einige Höhen in seinem Leben – Sibylle Knauss ist es erzähltechnisch sehr gut gelungen, beides so zum Ausdruck zu bringen, dass der Leser gefesselt bleibt.

Übrigens: An die Eigenart der Autorin, direkte Rede nicht mit Anführungszeichen zu kennzeichnen, sondern jeweils eine neue Zeile zu verwenden, hatte ich mich nach kurzer Zeit gewöhnt und konnte das Buch flüssig lesen.

Das Fazit: Ein ungewöhnliches Buch mit einer ungewöhnlichen Geschichte. Ich war von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt. Wenn die Hintergründe für Marias Handlungsweisen noch etwas deutlicher gemacht worden wären und ein paar Zeitsprünge mit mehr Erläuterungen ausgefüllt worden wären, wäre ich noch glücklicher mit dem Buch gewesen. Aber als Leser kann man halt nicht alles haben und muss auch mal damit leben, dass die Autorin keine 1.000 Seiten sondern nur knapp 400 schreibt ;-)

Die Bewertung: 

Kommentare:

  1. Das ist mal eine Rezension^^ Ausführlich, aber nicht zu ausführlich, dass man das Buch nicht mehr lesen müsste. Wenn das Buch nicht schon auf meine Wunschliste wäre, dann hätte ich die spätestens jetzt um >Fremdling< erweitert.

    Ich sage nur, sehr schön :)

    LG
    Silke

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  2. Applaus! So eine tolle Rezension! Ich bin gleich Leserin geworden :)

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