Freitag, 27. Juli 2012

Rezension "Ab jetzt ist Ruhe" von Marion Brasch


Ein Beispiel aus dem Leben

 

Marion Brasch
Ab jetzt ist Ruhe
S. Fischer Verlag
398 Seiten
Hardcover
Erschienen 2012
ISBN 978-3-10-004420-4
19,99 €




Der Weg zu mir: Die Damen in unserer nicht allzu großen Stadtbücherei haben vielleicht nicht das größte Budget zur Verfügung. Dennoch finde ich ziemlich häufig dort Bücher, mit denen ich nicht gerechnet hätte. So konnte ich eines Tages ganz erfreut „Ab jetzt ist Ruhe“ mit nach Hause nehmen, nachdem ich dieses wegen der Debutautoren-Challenge bei LovelyBooks auf meinen Wunschzettel geschrieben hatte.

Der erste Satz:Ich war vier Jahre alt, als ich das erste Mal von zu Hause fortlief.“

Das Innere: Marion Brasch erzählt die Geschichte ihrer Kindheit und Jugend und ihre Erlebnisse als junge Erwachsene. Aufgewachsen in der ehemaligen DDR, sind ihre Erlebnisse dabei oftmals von äußeren Zwängen geprägt. Mit drei Brüdern, einer jung verstorbenen Mutter und einem Vater, der sich der Politik der DDR mit Leib und Seele verschrieben hat, hat sie so viel erlebt, dass sie ein ganzes Buch damit füllen kann. Am Untertitel „Roman meiner fabelhaften Familie“ erkennt man schon, wie viel ihr diese Familie bedeutet.

Das Äußere: Das Buch ist als Hardcover-Ausgabe erschienen – es hat sogar ein hochwertiges Lesebändchen. Auf dem Cover ist eine Frau mit langem Haar zu sehen, die ganz gelassen am geöffneten Fenster steht und hinaussieht. Hier wird die Ruhe aus dem Titel des Romans richtig greifbar.

Das Wesentliche: Marion Braschs Familie besteht aus einigen namhaften Persönlichkeiten: so war nicht nur ihr Vater stellvertretender Kulturminister der ehemaligen DDR, ihre drei Brüder sind Schriftsteller, Schauspieler oder Filmemacher geworden. Da stand Marion als „kleine Schwester“ im wahrsten Sinne des Wortes oftmals vor einem Berg unüberwindlicher Ansprüche. Ihre Erlebnisse als Kind, Jugendliche und junge Erwachsene hat sie in diesem autobiographischen Roman zusammengefasst.

Zu Beginn des Romans ist die Ich-Erzählerin noch klein, allzu oft versteckt sie sich unter dem Wohnzimmertisch, wenn die älteren Brüder mit den Eltern – und vor allem mit dem Vater, der sehr an seinen Prinzipien festhält, streiten. Während die Brüder sich einer nach dem anderen gegen den Vater auflehnen, versucht sie als einzige Tochter – typisch Frau – eher eine Vermittlerrolle in der Familie einzunehmen. Dies umso mehr, als die Mutter recht früh verstirbt.

Gefühle offen auszusprechen – daran scheitert es ja häufig in Familien. Das merkt man hier auch sehr deutlich. Gerade der Vater schafft es nicht, auf seine Söhne zuzugehen – genau wie die Söhne viele Gelegenheiten ungenutzt verstreichen lassen, sich mit dem Vater auszusöhnen. Letztlich steht der Vater häufig allein auf weiter Flur, denn die Geschwister unter sich halten sehr deutlich zueinander.

Aus Sicht der Progagonistin lernt der Leser nicht nur den Alltag in der DDR kennen, er nimmt auch Anteil an den Gedanken und Gefühlen einer jungen Frau, die ihren eigenen Weg sucht und zuletzt auch findet. Die Zeit der Kindheit wird zunächst in Form von einzelnen Momentaufnahmen aus dem Leben geschildert – ganz so, wie man selbst auch seine eigene Kindheit in Erinnerung hat. Es gibt dabei noch keinen deutlichen roten Faden, denn jedes Erlebnis steht zunächst für sich. Dabei ist sehr bemerkenswert, wie detailreich Marion Brasch diese Erlebnisse noch in Erinnerung hat – ich wollte, ich könnte mich so genau an einzelne Begegnungen in meiner Kindheit erinnern, wie sie es tut.

Romanhafter und dadurch auch für mich persönlich interessanter wurde die Handlung aber erst später. Die Momentaufnahmen werden durch richtige Handlungsstränge abgelöst. Es entstehen und zerbrechen Freundschaften, Urlaubsreisen werden gemacht, eine Ausbildung wird begonnen. Der rote Faden dabei ist und bleibt die Familie. Nach dem Auszug der Brüder bleibt Marion als letzte bei ihrem Vater daheim, bis auch sie sich eine eigene Wohnung nimmt und endlich eigener Wege geht. Auf ihrem Weg erlebt der Leser mit der Protagonistin schöne, aufregende, traurige und auch Mut machende Erlebnisse. Das Auf und Ab des Lebens wird dabei in manchmal fast erschreckend ruhigen Worten erzählt.

Leider geht das Buch sehr schnell zu Ende, nachdem die Grenzen der DDR im Jahr 1989 zum Westen hin geöffnet wurden. Gerade hier hätte ich gerne mehr darüber erfahren, wie die Umwälzungen ins Leben der Protagonisten eingegriffen haben.

Das Fazit: Dies ist eher ein Roman der leisen Töne. Für Freunde ruhiger Literatur mit (auto)biographischen Inhalten sicher eine Empfehlung. Schön ist zu lesen, wie die junge Frau nach und nach ihren eigenen Weg geht. Der Schreibstil macht die Lektüre zusätzlich zu einer angenehmen Leseerfahrung. Mich persönlich konnte das Buch jedoch eben aufgrund des autobiographischen Charakters leider nicht durchgängig auf hohem Niveau fesseln.

Die Bewertung: 

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