Freitag, 31. August 2012

Rezension "Ein Lied für meine Tochter" von Jodi Picoult


Bewegender Kampf um das ungeborene Kind


Jodi Picoult
Ein Lied für meine Tochter

Originaltitel: Sing you home
Erschienen 2012
Verlag Lübbe Ehrenwirth
ISBN 978-3-431-03857-6
571 Seiten
22,99 €

Der Weg zu mir: Dies ist die erste Rezension, die ich für die Bastei Lübbe Lesejury schreiben darf. Als das Buch für eine Leserunde angekündigt wurde, konnte ich nicht anders als mich bewerben, denn Jodi Picoult gehört einfach zu meinen liebsten Schriftstellerinnen. Herzlichen Dank an Bastei Lübbe für die Bereitstellung der Druckfahne!
Der erste Satz: „An einem sonnigen, aber kühlen Samstag im September, als ich sieben Jahre alt war, habe ich zusehen müssen, wie mein Vater tot umfiel.“

Das Äußere: Ich kann zunächst nur über das Titelbild berichten, denn ich halte derzeit nur eine Druckfahne in den Händen. Das Cover zeigt eine junge Frau, die aufgrund ihrer geschlossenen Augen sehr in sich gekehrt und ruhig wirkt – ein gefühlvoller Teaser für den sehr nahe gehenden Inhalt des Buches.
Das Innere: Zoe und ihr Ehemann Max setzen alles daran, ein Kind zu bekommen. Die künstliche Befruchtung ist ihr einziger Ausweg und doch fast ihr Untergang, denn Zoe verliert den kleinen Jungen und ist untröstlich. Es zeigt sich, dass Max dem nicht mehr gewachsen ist, und er trennt sich in dieser schweren Zeit von Zoe. Während Max seine Zuflucht in einer religiösen Gemeinde sucht, öffnet Zoe ihr Herz erst wieder für eine andere Frau: Vanessa. Beide lieben sich von Herzen und wünschen sich ein gemeinsames Kind. Doch Max setzt alle Mittel daran, damit die beiden Frauen die verbliebenen Embryonen aus der Phase der gemeinsamen Hormontherapie nicht erhalten…
Das Wesentliche: Jodi Picoult steigt in ihren Roman mit einer schlimmen Situation für ihre Hauptprotagonistin ein: Zoe erleidet eine Totgeburt – ihr kleiner Junge, den sie sich gemeinsam mit ihrem Mann Max so gewünscht hat, war nicht kräftig genug, um zu leben. Was für ein schlimmer Schicksalsschlag für die beiden! Wie extrem diese Situation – nicht die erste dieser Art – für beide ist, wird im für Jodi Picoult typischen Stil über einen Wechsel der Erzählperspektive geschildert.
Zoe ist zwar am Ende ihrer Kräfte, aber jederzeit bereit, noch einen Versuch zu wagen – sie befürchtet, sonst zu alt für eine Schwangerschaft zu sein. Max hingegen hat genug von all dem – den aufreibenden Terminen in der Klinik, den Samenspenden und den wieder und wieder erfolglosen, aber dennoch kostspieligen Versuchen, ein Kind zu bekommen. Max Bruder Reid und seine Frau Liddy nehmen ihn bei sich auf – und so gelangt Max in die Gemeinde der Eternal Glory Church, die ihm Halt und Kraft gibt. Wie sehr er in dieser Gemeinde aufgeht, war dabei für mich manchmal schwer nachzuvollziehen, denn die religiöse Gemeinschaft wettert gegen jegliche Extreme – nur die traditionellen Werte und eine traditionelle Ehe zwischen Mann und Frau sind für die Kirche tragbar.
Die beschriebenen Handlungsfelder rund um die Eternal Glory Church erschienen mir aus meiner eher deutschen Sicht sehr, sehr amerikanisch. Ich kann mir z. B. eher nicht vorstellen, dass die Mitglieder einer Kirchengemeinde vor einem deutschen Kino demonstrieren, nur weil darin ein Film über ein homosexuelles Paar gezeigt wird. So habe ich verschiedentlich kopfschüttelnd vor dem Buch gesessen – und obwohl genau solche Situationen in Amerika wahrscheinlich tatsächlich an der Tagesordnung sind, war es für mich während der Lektüre manchmal schwer, diese Geschehnisse tatsächlich als „reale Schilderungen“ anzunehmen.
Als Ausgangspunkt für den Konflikt, den die Hauptcharaktere Zoe, Vanessa und Max miteinander austragen, war dies natürlich dennoch geeignet. Absolut nachvollziehbar war für mich Zoes und Vanessas Kinderwunsch – wieso sollte Zoes großer Traum, ein eigenes Kind zu haben, auch auf einmal keine Rolle mehr spielen, nur weil sie nun mit einer Frau zusammen lebt. Max hat natürlich nicht nur aus seiner christlichen, sondern durchaus auch aus seiner männlichen Perspektive heraus ein Problem damit. So war er für mich letztlich die tragische Figur in diesem Roman.
Zoe ist übrigens Musiktherapeutin. Sie arbeitet in Altenheimen, Kinderkliniken, ist Psychotherapeutin und Sterbebegleiterin – je nachdem, was gerade gefordert ist. Im Buch stand dabei vor allem die therapeutische Arbeit mit Lucy, einer selbstmordgefährdeten Jugendlichen an Vanessas Schule, im Vordergrund. Es hat mir gut gefallen, zu lesen, wie sich das junge Mädchen nach und nach gegenüber Zoe öffnet – und auf welche zurückhaltende Art und Weise eine Musiktherapie vonstattengeht. Diese Einblicke waren für mich neu und spannend.
Für dieses Buch gibt es einen Soundtrack! Jodi Picoult hat erstmalig eine wunderbare Idee umgesetzt und für jedes einzelne Kapitel des Buches gemeinsam mit Ellen Wilber ein spezielles Lied geschrieben. Damit wird es dem Leser ermöglicht, noch viel tiefer in die Atmosphäre des Buches einzutauchen. Und es ist tatsächlich so, dass Zoe als Hauptprotagonistin einem noch viel stärker ans Herz wächst als es ohne die teils melancholischen, teils beschwingten Lieder ganz im Stil amerikanischer Liedermacher möglich wäre. Das ist in meinen Augen eine ganz herausragende Idee.
Das Fazit: Mir hat auch dieser Roman von Jodi Picoult wieder sehr gut gefallen – so ist es mit ihren Romanen bei mir eigentlich immer. Über jeden der Protagonisten wurde eine ganz eigene, bewegende Geschichte erzählt – nur über die zum Teil recht „amerikanischen“ Zustände bin ich öfter einmal gestolpert, weswegen ich nicht die volle Punktzahl gebe.
Die Bewertung:  
Die Lieblingspassage: „Ich senke den Kopf. Ich bete nicht oft, aber in diesem Moment tue ich es. Ich bete, dass Zoe und ich zusammen reisen werden, wenn es für mich an der Zeit ist zu gehen.“ (Seite 206)

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