Mittwoch, 29. August 2012

Rezension "Rabenblut drängt" von Nikola Hotel


Verwandlung und Liebe


Nikola Hotel
Rabenblut drängt

Erschienen 2012
ASIN B008CQYYQK
359 Seiten
4,99 € (Kindle-E-Book)
 

Der Weg zu mir: Auf dieses Buch bin ich über eine Empfehlung des Blogs „Die lesende Minderheit“ gestoßen. Es war vorrangig der Titel des Buches, der mich zuerst beeindruckt hat. Daraufhin habe ich mir die Leseprobe bei Amazon heruntergeladen und bin sofort vollends im Buch aufgegangen. Von Nikola Hotel habe ich dann lieberweise ein Rezensionsexemplar erhalten, so dass ich direkt weiter lesen konnte.  
Der erste Satz: „Meine Augen schlossen sich gegen meinen Willen.“

Das Äußere: Da es sich hier um ein Buch handelt, dass es derzeit leider nur als elektronisches Exemplar gibt, gibt es hier nichts zum Anfassen – aber dennoch zum Schwärmen. Das Cover des Buches zeigt die Prager Karlsbrücke, darüber den Flügel eines Raben. Wenn mein Kindle-Display farbig wäre, würde direkt der schöne Blauton des Covers auffallen. Ein tolles Cover, das sicher auch in der Auslage einer Buchhandlung die Blicke auf sich ziehen würde. Was ebenfalls auffällt, sind die Titelnamen der verschiedenen Kapitel – hier hat sich Nikola Hotel wirklich ganz besondere Namen einfallen lassen („Klangtränen“, „Freiheitserbe“, „Waldfieber“ o. ä.).

Das Innere: Die junge angehende Biologin Isa hilft für ein Jahr als Praktikantin in den tschechischen Wäldern dabei, die Wege der wildernden Luchse zu beobachten und zu katalogisieren. Eines Tages erreicht das kleine Forscherteam ein Anruf aus dem Wald: ein Wildunfall hat sich ereignet. An der Unglücksstelle angekommen, trifft Isa jedoch auf einen jungen Mann, der verletzt und desorientiert ist – aber einen toten Raben in den Händen hält. Die Erinnerung erlangt der junge Mann scheinbar nicht wieder, und so nehmen die Forscher den Fremden, der ihnen nur seinen Namen – Alexej – nennen kann, zunächst unter ihre Fittiche. Dass er sich äußerst seltsam verhält, hält Isa nicht davon ab, sich in Alexej zu verlieben. Doch bevor sie sich diese Liebe richtig eingestehen kann, ist Alexej auf einmal auf und davon: denn ein altes Familiengeheimnis wird zu einer tödlichen Gefahr, und sein Rabenblut drängt…
Das Wesentliche: Ich falle direkt mit der Tür ins Haus: dieses Buch hat mich verzaubert. Und das, obwohl ich überhaupt kein Fan von sonderbaren Liebesgeschichten zwischen einer Frau und einer wie auch immer gearteten männlichen Phantasiegestalt bin. Dieser Roman ist letztlich auch ganz anders: phantasievoll, ohne ins Kitschige abzudriften, episch, ohne langatmig zu sein und Atem raubend, ohne beklemmend zu werden.
Aber von vorne: Zunächst einmal beginnt die Geschichte mit der Schilderung einer Jagdszene aus der Sicht eines Schwarms Raben. Dies sind keine gewöhnlichen Raben, sondern Kolkraben, die eine Flügelspannweite von weit über einem Meter erreichen können. Wie beeindruckend muss es sein, den Anflug eines solchen Schwarms zu beobachten! Während der Jagd geschieht jedoch ein tragisches Unglück, und einer der Jungvögel wird von einem Bluthund getötet. Auch Alexej wird dabei verletzt und ist - in Menschengestalt - auf einmal auf fremde Hilfe angewiesen. Marek, der Chef der wissenschaftlichen Forschungseinrichtung, nimmt Alexej nach der ersten Zeit der Genesung im Krankenhaus auf der Forschungsstation auf. Nach außen hin gibt Alexej vor, sein Gedächtnis verloren zu haben – doch in Wahrheit ist er sich seiner Herkunft sehr wohl bewusst. Er darf diese jedoch den anderen gegenüber nicht offen legen, denn seine Familie ist aufgrund ihrer Herkunft in Gefahr.
Es ist herrlich zu lesen, wie Alexej versucht, Mensch zu sein, und dabei sein Wesen als Rabe doch immer wieder an die Oberfläche gelangt: so muss Alexej an sich halten, wenn er gemeinsam mit Isa auf den Spuren der Luchse in den Wäldern auf einen Tierkadaver trifft – seine übliche Nahrung als Rabe. Auch die eine oder andere Kellerassel wandert schon einmal unbedacht in seinen Mund.
Isa lernt den jungen Mann, der wunderbar Klavier spielen kann, immer besser kennen – und weiß doch andererseits genau, dass er für sie irgendwo unerreichbar ist. Sie spürt einfach, dass Alexej anders ist. Aber auch Alexej fühlt sich nach und nach zu Isa hingezogen, die er nur „Isabeau“ nennt. Dadurch, dass die Erzählperspektive zwischen Isa und Alexej jeweils wechselt, ist es für den Leser besonders emotional zu beobachten, wie sich beide nahe kommen – und dann wieder auseinander driften.
Doch nicht nur die Erzählperspektive wechselt – es gibt darüber hinaus zahlreiche verschiedene Schauplätze. Alexej vermutet, dass der Überfall auf seinen Schwarm kein Zufall war – und er macht sich beizeiten auf die Suche sowohl nach seinem Schwarm als auch nach seiner Familie. Daraus entsteht neben der absolut fesselnden Liebesgeschichte ein weiterer Erzählstrang, der die Enteignung böhmischer Adeliger in der Tschechoslowakei der Nachkriegszeit anreißt. Doch keine Sorge – die historischen Details bilden hier letztlich nur den Rahmen einer absolut fesselnden Handlung rund um Alexejs Herkunft. Die verschiedenen Schauplätze, an die sich Alexej auf der Suche nach der Wahrheit begibt, machen die Geschichte dabei zeitweise richtiggehend rasant.
Nikola Hotel schreibt herrlich flüssig, aber auch eindringlich und nachhaltig. Ich wollte ständig wissen, wie die Geschichte weiter ging. Und wie habe ich den Zeitpunkt herbeigesehnt, an dem Isa endlich erkennt, wen sie da vor sich hat! Diese Szene ist absolut herausragend – aber mehr will ich dazu auch schon gar nicht verraten. Durch das ganze Buch schwingt zudem – ganz faszinierend - immer ein Hauch von Alexejs Musik. Ach, wenn er doch nur im Zimmer nebenan tatsächlich säße und Klavier spielte…
Wer Bücher mag, in denen eine phantastische Liebesgeschichte in eine abwechslungsreiche Rahmenhandlung mit spannendem, nicht zu kurzen Show-Down eingebunden ist, der wird „Rabenblut drängt“ lieben. Ich bin so froh, dass es zu diesem wunderbaren Roman eine Fortsetzung geben wird! Wer wissen will, welchen Musiker die Autorin vor Augen hatte, als sie Alexej erfand, der sollte übrigens auch das Nachwort lesen :-)
Das Fazit: Was für ein Roman! Schade, dass meine Bewertungsskala bereits bei fünf Leselöwen Schluss macht – hier würde ich unbesehen noch viel mehr Punkte geben. Ich wünsche es diesem Buch, dass es noch sehr, sehr viele Leser erreicht, denn es steht den Romanen, die bereits jetzt in den Auslagen der Buchhandlungen liegen, in nichts nach. Im Gegenteil: es ist besser! Solltet ihr bereits mit dem Gedanken gespielt haben, euch einen Kindle anzuschaffen: spätestens für dieses Buch solltet ihr das tun!
Die Bewertung:  


Die Lieblingspassage: „Ich habe geahnt, dass du so sein könntest. Ich habe geahnt, dass alles bisher nur die Hälfte von dem ist, was eigentlich geht! Und wenn du es genau wissen willst, ich habe dafür gebetet, dass es so sein würde! Dass du so bist!“ (Position 5.158 von 6.203)

Kommentare:

  1. Lol, mit dem Satz "Auch die eine oder andere Kellerassel wandert schon einmal unbedacht in seinen Mund." hattest du mich schon :D Ich werde das Buch mal auf meine WL setzen, nur herrscht bei mir momentan Kaufstopp :-) LG, Katharina

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  2. Liebe Lesemaus,

    Deine Beschreibung hat mich sehr gerührt. Du hast intelligent, liebevoll und so ausführlich Deine Empfindungen und Gedanken wiedergegeben. Ich bin jetzt noch völlig baff.
    Man merkt gleich, da liest und schreibt jemand mit Herzblut.
    Wenn Du Lust hast, dann merke ich Dich gleich schon mal für Band 2 vor.:))
    Leider wird es im ersten Newsletter noch keine Leseprobe geben, sorry, das schaffe ich einfach nicht. Aber dafür habe ich mir etwas anderes Schönes überlegt. Ich hoffe, es ist auch für Dich etwas dabei.

    Alles Liebe,
    Nikola

    P.S. Hier übrigens das Lied, dass ich Alexej am Ende in die Hände gelegt habe: Isabeau’s Eyes. In Wirklichkeit heißt es Hana’s Eyes. ♥
    http://www.youtube.com/watch?v=_0X-GamNY5U

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  3. Hab dieses Buch am Sonntag in sage und schreibe knapp über 6 Stunden verschlungen! Super geschrieben und sehr einfallsreich. Bin ja ein Fantasy-Sammler und habe jede Menge Vergleichsmöglichkeiten, aber nur selten lese ich ein Buch ohne Pause! Auch die Lieblingsstelle von LeseMaus kann ich nur bestätigen. Ich hoffe inständig, das wir auf den Band 2 nicht allzu lange warten müssen! Liebe Nikola Hotel, weiter so und erfreuen Sie uns noch lange mit gaaanz vielen tollen Büchern!!!! Herzliche Grüße Romanique

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