Samstag, 15. Dezember 2012

Rezension "Die Hexe von Nassau" von Nicole Steyer

Berührend authentisch



Nicole Steyer
Die Hexe von Nassau
Knaur Taschenbuch Verlag
ISBN 978-3-426-51132-9
Erschienen am 02.11.2012
9,99 €
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Der Weg zu mir: Dieses Buch stammt aus einer LovelyBooks-Leserunde, die aufgrund der sehr regen und informativen Beteiligung der Autorin ganz besonders interessant war. Herzlichen Dank an die Verlagsgruppe Droemer Knaur für die Bereitstellung des Leseexemplars.


Der erste Satz: "Dicke weiße Schneeflocken fielen wie Watte vom Himmel, tanzten durch die Luft und schwebten langsam und sacht herab."

Das Äußere: Das Taschenbuch ist mit seinen mehr als 600 Seiten zunächst einmal ein richtiger Wälzer - wie dafür gemacht, für einige Zeit in den Tiefen des 17. Jahrhunderts zu versinken. Das Cover zeigt eine Frau vor einer eher antik wirkenden Stadtansicht. Damit hat das Buch direkt eine historische Anmutung, ohne zu aufdringlich das Motiv als solches in den Vordergrund zu lenken - gefällt mir gut!

Das Innere: Die junge Katharina lebt mit ihrer Mutter im Städtchen Idstein im Herzogtum Nassau. Die beiden Frauen sorgen selbst für ihren Lebensunterhalt und sind als Näherinnen tätig. Ein Zubrot verdient sich Katharina bei der Pferdepflege auf einem nahegelegenen Bauernhof. Doch mit dem unbeschwerten Leben ist es vorbei, als der Graf sich dazu entschließt, der Hexenverfolgung nachzugehen. Prompt springt die halbe Bevölkerung auf das Thema an, so dass in kurzer Zeit Gewalt und Ungerechtigkeit an der Tagesordnung sind. Als auch Katharina und ihre Mutter auf einmal in den Fokus des Henkers Leonhard Busch geraten, nimmt das Unglück seinen Lauf...

Das Wesentliche: Katharina wächst dem Leser sehr schnell ans Herz. Die junge Frau steht an der Schwelle zum Erwachsenwerden und erlebt zu Beginn des Buches ihre erste Liebe, als Andreas, der Freund aus Kindertagen, als angehender Pfarrer zurück ins Dorf kommt. Undenkbar, dass man ihr nicht von Herzen alles Gute wünscht. Auch Marie, Katharinas beste Freundin, ist eine sympathische Figur. Auch sie lebt ihr Leben, mit Mutter, Großvater und Tochter in direkter Nachbarschaft zu Katharina. Als das Unglück nacheinander über beide Familien hereinbricht, will man es kaum glauben.

Besonders schockiert hat mich, dass die Hexenverfolger ganz bewusst und damit "strategisch" vor Frauen jünger als 40 Jahre halt gemacht haben - einfach damit keine Frauen im gebährfähigen Alter hingerichtet werden. Welche Willkür damals geherrscht haben muss, ist mir erst dabei so richtig klar geworden. Auch hat mir das Buch erst bewusst gemacht, dass letztlich jeder der verantwortlichen Beteiligten die Geschehnisse zu seinem eigenen Zweck missbraucht hat - vom Grafen selbst bis hin zum Henker. Der Henker selbst ist als der furchtbare Mensch geschildert, der er wohl auch war. Er war kein Mann, der "einfach nur" seinen Lebensunterhalt verdient hat - nein, scheinbar hat er das alles auch noch genossen. Oftmals musste ich mich während der Lektüre förmlich schütteln, so eindringlich hat Nicole Steyer den Henker und seine Gefolgsleute beschrieben.

Überhaupt habe ich in diesem Buch vieles über die Foltermethoden im Rahmen der Hexenverfolgung gelernt (leider). Vieles davon habe ich lieber nicht wissen wollen - es ist unbeschreiblich, wie sehr die Frauen (und auch Männer - auch das habe ich erst durch das Buch erfahren) leiden mussten.

Am Anfang des Buches habe ich gedacht, dass der Schreibstil mit seinen eher kurzen, klaren Sätzen sehr einfach gehalten ist. Erst im Laufe der Lektüre ist mir mehr und mehr klar geworden, dass die Autorin diese Schreibweise ganz bewusst einsetzt, um die Gefühls- und Gedankenwelt ihrer Protagonisten in ihrer Zeit zu verdeutlichen. Insofern nutzt Nicole Steyer auf eine für mich doch transparente Weise die Sprache als gestalterisches Element, um dem Leser die Denkweise ihrer Figuren zu veranschaulichen. Hiermit ist der Spagat zwischen der tatsächlichen damaligen Sprechweise und heutigem Leseverständnis gelungen.

Die Protagonistin Katharina wächst im Laufe des Romans mehr als einmal über sich hinaus. Trotz allem, was sie erlebt hat, lässt sie sich nicht unterkriegen. Insofern macht das Buch bei aller Schrecklichkeit der Geschehnisse auch Mut, das Leben immer wieder siegen zu lassen.

Ich werde sicher nach weiteren Büchern von Nicole Steyer Ausschau halten - wie es aussieht, haben wir die Autorin im Laufe der Leserunde zu einer Fortsetzung überreden können ;-)


Das Fazit: Nicole Steyer hat mit ihrem Roman in meinen Augen ein beeindruckendes Debüt vorgelegt. Sie schafft es, auf eine einerseits ruhige und doch intensive und eindringliche Weise das Schicksal Ihrer Protagonistinnen in der Zeit der Hexenverfolgung darzustellen. Ihre Schilderungen stehen immer in Kontext der gesellschaftlichen Verhältnisse in eben dieser Zeit - auf eine Art und Weise, die lange nachwirkt.

Die Bewertung:
 

Kommentare:

  1. Hey,

    danke für die schöne Rezi!
    Mich hatte das Buch am Anfang gar nicht angesprochen, aber was Du geschreiben hast gefällt mir doch recht gut!

    LG Juju

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    1. Das ist ein Buch, auf das man sich durchaus einlassen kann. Die Charaktere nehmen auf jeden Fall sofort gefangen, Katharina ist eine so sympathische Frau. Es ist aber auch nicht leicht, mit anzusehen, was ihr so alles passiert.

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