Donnerstag, 13. Februar 2014

Rezension "Unschuldslamm" von Judith Arendt

Mordfall mit Schöffin – erstaunlich gut



Judith Arendt
Unschuldslamm
Taschenbuch
Ullstein Verlag
320 Seiten
Erscheinungsjahr: 2014
ISBN 978-3-548-28564-1
9,99 EUR



Der Weg zu mir: Meine allererste Leserunde bei einer von mir neu entdeckten Community – und gleichzeitig der Auftakt einer neuen Kriminalreihe – das passte gut zusammen! Vielen Dank an den Ullstein Verlag und an Wasliestdu? für die Bereitstellung des Leseexemplars.

Der erste Satz: „Der Blick aus seinen schwarzen Augen folgte ihr überallhin.“

Das Innere: Ruth Holländer hat eigentlich schon genug zu tun mit ihrem Café, ihren Kindern, ihrem geschiedenen Mann und mit ihrem Leben überhaupt. Doch nun wird sie unerwartet zur Schöffin berufen, und gleich der erste Fall geht Ruth Holländer so nahe, dass er sie Tag und Nacht nicht loslässt: ein junger Kurde soll seine Schwester getötet haben, und das junge Mädchen ging auch noch zur gleichen Schule wie Ruths Tochter Annika. Ein gefundenes Fressen ist der Fall für die Presse – doch Ruth blickt hinter die Kulissen, denn sie glaubt, dass mehr als nur ein „Ehrenmord“ hinter der ganzen Angelegenheit steckt…

Das Wesentliche: Ruth Holländer ist klasse! Sofort nach dem ersten Kennenlernen schließt man die fast 50-jährige Protagonistin ins Herz. Es ist so sehr nachvollziehbar, dass Ruth erst einmal aus dem Häuschen ist, als sie den Brief erhält, der sie zur Schöffin beruft. Schließlich muss man sich für eine solche Aufgabe erst einmal frei schaufeln, und das ist nichts, was die Inhaberin eines gut laufenden französischen Bistros mal so eben regeln kann. Gut nur, dass ihr ihre Mitarbeiterin und Freundin Jamila tatkräftig unter die Arme greift und immer ein offenes Ohr für sie hat.

Der Fall, mit dem sich Ruth auseinandersetzen muss, hat es in sich: es geht um den Mord an der jungen Derya, einem Mädchen kurdischer Herkunft, das auf dem Nachhauseweg von einem Treffen mit Freunden erstochen wurde. Ihr Bruder soll der Mörder sein – zumindest sitzt er als Angeklagter vor Gericht.

Ruths erster Fall vor Gericht nimmt sie stark mit. So nah dabei zu sein, während über eine so schreckliche Tat berichtet wird – das muss wirklich hart sein. Und während sich Ruth immer mehr mit der schlimmen Angelegenheit auseinandersetzt und dabei erst einmal ihren Platz zwischen Berufs- und Laienrichtern finden muss, offenbart sich dem Leser nach und nach Ruths Charakter. Sie ist eine durch und durch integere, warmherzige Person, die stets für ihre Kinder und ihre Freunde da ist. Der Wunsch nach der Wahrheit treibt sie an – und dabei wandelt sie stets auf dem schmalen Grat zwischen der gesetzlichen Auflage, sich nicht beeinflussen zu lassen, und ihrem Bestreben, das ganze Geheimnis rund um die Tat in Erfahrung zu bringen.

Dadurch, dass wir hier nicht – wie in herkömmlichen Krimireihen – einem Kommissar bei seinen Ermittlungen über die Schulter schauen können, musste Judith Arendt eine andere Art der Annäherung an den Mord und seine Beweggründe finden. Wer jetzt nervenzerfetzende Action-Szenen sucht, wird sie in diesem Roman eher nicht finden. Stattdessen findet der Leser eine auf ungewöhnliche Art konstruierte Kriminalgeschichte, in denen sich Szenen vor Gericht mit Rückblenden abwechseln. Nicht zuletzt machen zwischendurch eingestreute „Beweismittel“, z.B. Auszüge aus Einsatzprotokollen oder Befragungen, die Geschichte authentisch und glaubhaft. Mir hat genau diese andere Herangehensweise an die Aufklärung eines Mordfalles enorm gut gefallen! Zudem habe ich nebenbei einiges über die Aufgaben als Schöffe gelernt, was mir zuvor so noch nicht klar war. 

Judith Arendts Schreibstil ist locker und flüssig. Es macht überhaupt keine Mühe, der Geschichte zu folgen, und die recht kurzen Kapitel sorgen darüber hinaus stets für einen veränderten Blickwinkel und somit für Abwechslung.

Sehr gerne habe ich aber auch einfach nur über Ruths „Alltagszenen“ gelesen: wie sie mit ihrer Tochter am Frühstückstisch sitzt, wie sie mit Jamila im Laden das Essen vorbereitet, oder Einkäufe für ihr Bistro macht. Es wäre schön, in den nächsten Büchern der Reihe nach und nach mehr über Ruths Familie und Freunde zu erfahren. Und natürlich gönne ich Ruth als alleinstehender Frau im weiteren Verlauf ihrer Gerichtsfälle auch eine Liebesgeschichte – wenn sie nicht gar so plötzlich kommt, wie es hier unnötigerweise der Fall war.

Das Fazit: Ein ganz hervorragender Auftakt zu einer hoffentlich langlaufenden Reihe rund um die Schöffin Ruth Holländer! Freunde von gut konstruierter Kriminalliteratur mit warmherzigen Charakteren werden hier voll auf ihre Kosten kommen und sollten zugreifen.

Die Bewertung:

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