Montag, 21. April 2014

Rezension "Ich bin Tess" von Lottie Moggach


Eindringlich und gut


Lottie Moggach
Ich bin Tess
Hardcover
script 5 Verlag
352 Seiten
Erscheinungsjahr: 2014
ISBN 978-3-8390-0158-5
17,95 EUR



Der Weg zu mir: Die ungewöhnliche Story des Buches ging ja schon einige Zeit vor dem Erscheinungstermin durch die Presse. Als man sich dann bei Vorablesen für das Buch bewerben konnte, konnte ich nicht Nein sagen – also geht mein großer Dank für das Leseexemplar an den script 5 Verlag und an Vorablesen.

Der erste Satz: „Es war Freitagabend und das Projekt lief seit ungefähr neun Wochen.“

Das Innere: Leila, eine junge Erwachsene ohne rechtes Ziel im Leben, stößt im Internet auf ein philosophisches Forum. Schon bald zeichnet sich Leila dort durch ihre geistreichen und wohlüberlegten Kommentare aus, und man wird auf sie aufmerksam. Kurze Zeit später erhält sie ein ungewöhnliches Angebot: Sie soll in die Rolle von Tess schlüpfen, damit niemand deren Verschwinden bemerkt. Leila geht auf das Angebot ein, dabei ahnt sie nicht, wie sehr sie sich tatsächlich auf Tess und ihr Leben einlassen muss, um die Aufgabe zu erfüllen…

Das Wesentliche: Leila hat es nach dem Tod ihrer Mutter nicht ganz leicht. Sie stand schon immer recht schräg im Leben, und daher ist es ihr ganz recht, dass sie einen Beruf hat, den Sie von zuhause aus ausüben kann und der sie gerade so finanziell über Wasser hält. Dabei ist Leila eine ungewöhnlich schlaue Person, die sehr logisch agiert und jeden ihrer Schritte wohlüberlegt tut.

Als sie auf das Forum „The red pill“ stößt, dessen Gründer Adrian ein Verfechter vollständiger Freiheit für jeden ist, diskutiert sie nach einigem Zögern sehr engagiert mit – fast so, als möchte sie kompensieren, dass sie im „normalen Leben“ nur wenig mit anderen interagiert. Leilas Gedankengänge nachzuvollziehen ist sehr faszinierend und nie langweilig. Richtig spannend wird es, als Adrian Leila persönlich treffen will, denn dieses Treffen ändert alles.

Was nun passiert, weiß man eigentlich schon vom Klappentext – nur wie es geschieht, damit hätte ich letztlich nicht gerechnet. Leila soll in die Rolle von Tess schlüpfen, die keinen anderen Ausweg weiß, als ihrem Leben ein Ende zu setzen. Wie würde man selbst reagieren, wenn man einen solchen „Vollzeit-Job“ angeboten bekäme? Leila geht es nicht um das Geldverdienen, sie möchte ehrlich helfen und ist davon überzeugt, das Richtige zu tun – auch hier kann der Leser wieder jeden der Schritte nachvollziehen, wieso und warum Leila zu dieser Entscheidung kommt. Ich habe mich bei der Lektüre aber immer wieder moralisch herausgefordert gefühlt. Ist nun dies oder jenes richtig? Welche Ansicht ist korrekt, welche falsch? Gibt es überhaupt eine richtige und eine falsche Wahl?

Schließlich lernt man auch Tess und ihre Beweggründe kennen. Sie erscheint teilweise so lebensfroh, dass man nicht glauben will, dass es ihr mit ihrem bevorstehenden Selbstmord ernst ist. Natürlich entsteht zwischen Leila und Tess eine sehr enge Beziehung, muss Leila doch jedes Detail aus Tess‘ Leben kennen, wenn sie ihr Leben virtuell weiterführen will. Für Leila ist das neben der Beziehung zu ihrer Mutter die erste enge Beziehung zu einem Menschen, die sie überhaupt hat – eine gar nicht so leichte Situation für sie.

Leila schlüpft dann tatsächlich in Tess Rolle – doch wie es hier weitergeht, muss jeder selbst lesen. Da Tess in jeder Hinsicht eine andere Persönlichkeit ist als Leila, ist es spannend zu lesen, wie Leila damit umgeht, zumindest virtuell eine andere Person zu werden.

Gut gemacht waren in meinen Augen die Schauplatzwechsel: neben Leila in ihrer jetzigen Situation gibt es auch eine Leila auf Reisen – was sehr ungewöhnlich für sie und deswegen zunächst verwirrend für den Leser ist. Mein Rat: einfach darauf einlassen, diese Szenen ermöglichen noch einmal ein neuen Blickwinkel auf Leilas Persönlichkeit.

Lottie Moggachs Schreibstil hat mich jedenfalls sehr fasziniert. Sie schreibt detailreich – und zugleich bleibt man als Leser auf Distanz und betrachtet die geschilderten Szenen eher von außen, ähnlich wie Leila zu allem lieber auf Distanz bleibt. Hierdurch kann es dem einen oder anderen Leser vielleicht auch mal etwas lang werden.

Das Fazit: Selten habe ich eine so faszinierende Geschichte gelesen, die gleichzeitig eine Charakterstudie ist und philosophische Fragen aufwirft, mit denen man sich im Alltag gar nicht so gerne auseinandersetzt. Daher eine Leseempfehlung für all jene, die sich nicht davor scheuen, genau das zu tun. Hier bekommt man mehr als reine Unterhaltungslektüre!

Die Bewertung: 

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